Konsum oder Wie ich lernte, Musik zu lieben
Es gab heute ein hübsches Gespräch über Menschen, die sich im Internet verkaufen wollen: User auf Single-Börsen, Communities oder Plattformen zur Selbstbeweihräuchern – wie auch immer man den Schmonz nennen will.
Ich bin ja auch gemeldet beim „Schwarzen Glück“ – für Profis natürlich nur „SG“. Neben vielen anderen ist ein Faszinosum dort die Tatsache, dass Menschen schier unendliche Listen aufführen, wenn sie nach ihren Lieblingsgruppen gefragt werden. Natürlich ist dies eine Plattform, die haupsächlich Menschen mit einem ähnlichen musischen Interesse verbindet und dewegen ist Identifikation und Zuordnung durch Musik auch wichtig. Aber die Unsäglichkeit dieser Endlos-Listen führt mich zu zwei Erklärungen:
1. Die Herrschaften sind nicht über die Begrifflichkeit des Präfixes „Lieblings-“ aufgeklärt. Also nochmal für die Langsamen: Wenn estwas mein „Liebligsessen“, „Lieblingsfilm“ oder eben meine „Lieblingsgruppe“ ist, dann esse, sehe oder höre ich diesen Liebling fast ausnahmslos und lasse nichts neben ihm stehen. Ich verstehe, wenn man mehr als eine Angabe macht – auch ich würde mich nicht darauf einigen können, ob ich lieber ein Roasted Chicken Breast Sandwich oder Schweinemedallions in Champignon-Rahmsoße esse… Das ist launenabhängig. Ebenso wie die Frage, ob ich lieber Janus oder Muse hören möchte. Aber ich möchte eine Eingrenzung – ich zähle ja auch nicht, wenn ich nach menem Leibgericht gefragt werde, sämtliche Nahrungsmittel auf, die ich je verzehrt habe.
2. Die andere Möglichkeit, die ebenso wenig schmeichelhaft ist, einen gedanklich aber zum nächsten Punkt bringt, ist, dass die Leute keine Musik hören, weil sie Musik mögen, sondern weil sie Musik nur konsumieren. Ich reite explizit auf der Nummer mit den Lieblingsbands herum, weil das immer wieder – unabhängig vom gesellschaftlich-sozialen Ramen ein Thema für mich ist, und weil gerade dieser Bereich durch eben jenes Kuriosum auffällt.
Es gibt für mich eine ganz klare Trennung zwischen „Musik hören“ und „Musik konsumieren“. Die meisten Leute, die behaupten, eines ihrer Hobbies sei „Musik hören“, meinen damit, dass den ganzen Tag, während jeder Tätigkeit, Beschallung läuft. Dummerweise ist das nur bloßer Konsum. Ich nehme mich ja nicht davon aus, jemand, der mal meinen Last.fm-Account betrachtet, wird sehen, dass ich auch den ganzen Tag irgendwas laufen habe. Zumindest meistens. Möchte ich aber Musik hören, dann kann ich nebenbei nicht viel tun – nicht arbeiten, nicht essen, kein Gespräch führen, nichtmal meine Wäsche zusammenlegen. Denn dann konzentriere ich mich auf das, was ich höre. Dann genieße ich die Musik, die ich mir zu Gemüte führe.
Und da kommen wir wieder zum Ausgangspunkt: In dieser Art „Hören“ – das geht für mich nur bei Musikern, die meiner Meinung nach wirklich (fast) ausschließlich Gutes produziert haben. Ich konnte noch nie ein ganzes Nightwish-Album anhören (nein, auch nicht mit neuer Sängerin) – die Musik läuft mir irgendwie nicht rein. Das ist nunmal mein persönlicher Geschmack. Trotzdem habe ich schon Stücke dieser ruppe gehört… in Diskotheken… manchmal komme ich auch nicht drumrum, in eine solche CD reinzuhören, weil ich sie womöglich zum Auflegen brauche. Ich habe sogar zwei Alben da – aus eben diesem Grund. Das heißt aber nicht, dass ich sie unter meinen Lieblingsbands auflisten würde.
Wenn meine Mitbewohnerin morgens in der Küche das Radio anmacht, konsumieren wir Musik – definitiv. Ebenso im Supermarkt, oder in der Kneipe. Und eben, wenn ich neben der Arbeit meinen Player ausspucken lasse, was er möchte. Aber es tut mir leid: Die alphabethische Auflistung all meiner CD’s gibt trotzdem nicht meinen wahren Musikgeschmack wieder. Vielleicht ein Grund, sich mal Gedanken zu machen, welchen Qualitätsstandart man bei etwas ansetzt, das einem doch so wichtig ist – gerade, wenn es doch hilft, mich und meine „Subkultur“ zu definieren…
Amok
Und wieder ein Amoklauf in Amerika. Wenn ich pietätlos bin, sage ich „Zum Glück nicht schon wieder direkt an einer Schule.“ Natürlich ist es schrecklich – wieder sind Menschen gestorben und wieder sucht man nach Gründen, die nicht so einfach zu finden sind. Vorher habe es Streit gegeben – mal ehrlich, ich muss kein Psychologe sein, um festzustellen, dass ein Streit auf einer Party nicht zwangsläufig zu Schuswaffengebrauch führt.
Fakt ist, dass Tyler Peterson innerhalb der Medien genauso entmenscht werden wird wie Robert Steinhäuser, Sebastian Bosse oder Cho Seung-Hui. Es geht hier nicht darum, Täter zu entschuldigen, sondern darum, hinter dir Gründe zu kommen. Und es geht darum, weiterhin festzustellen, dass diese Menschen keine fürchterlichen Monster waren. Es waren Menschen mit massiven Problemen (in gewisser Form zeifellos „gestört“), die nun von Politik und Medien benutzt werden, seltsame Gesetze einzufordern. Sie werden zu Objekten gemacht, auf die man alle gesellschaftliche Schuld abschieben kann – das Sündenbock-Prinzip. Jeder, der auch nur im Ansatz über klaren Verstand verfügt, ahnt, dass in all diesen Fällen nicht die sogenannten „Killerspiele“, nicht die Musik, nicht das Fernsehen, nichteinmal „nur“ die lokale Verfügbarkeit von Schusswaffen zu diesen Taten verleitet. Stellen wir uns doch nicht dümmer, als wir sind.
Sicherlich ist es ebenfalls zu einfach, sich komplett auf „die andere Seite“ zu stellen, nur, die Eltern, nur die Schule, nur die Gesellschaft verantwortlich zu machen, aber ich frage mich, warum man überhaupt bei einem solchen Thema auf einer Seite stehen muss? Es sollte doch klar sein, dass so eine Extremhandlung nicht einfach zu erklären ist, und dass alle Seiten gleichwertig beleuchtet werden müssen (deswegen ist die Mentalität von „Vorsprung durch Hektik“ was ein Verbot von Computerspielen angeht so sinnlos). Und sicherlich kann sich niemand von uns zum Weltretter aufschwingen und die Umgebung so stark beeinflussen, dass soetwas nie wieder passiert. Aber wenn jeder kleine Schritte macht, kann man vielleicht den einen oder anderen Jugendlichen vor einem derartig grauenhaften Ende bewahren. Straffere Waffenkontrolle und Eltern, die mehr auf das achten, was ihre Kinder in der Freizeit tun, Lehrer, die sich bewusster um verhaltensauffällige Kinder kümmern, Medien, die aufklären statt hetzen… Schön, wenn noch so ein verbohrter Idealist ist.
Und nein, halbherzige Schweigeminuten, Debatten für und wider ein Verbot von Spielen / Filmen / CD’s / Waffen, sozialpädagogische Laienpsychologie, überpanische Eltern und Kuschelpädagogik sind nicht das, was ich meine. Ein verstörtes Kind werde ich mit unmäßiger Kontrolle nur weiter von mir entfernen, Unterhaltungselektronik wird nur spannender, wenn es verboten ist, und die Grünkernbratling-Fraktion von Lehrern, die einen bedrängen, „doch mal was zu sagen“ haben wir alle als Schüler gehasst. Aber Lustig, dass gerade ich dieses Schwarz-Weiß-Denken verurteile und versuche, differenzierter zu werden…
Die Püppchen und Interpretationskontroversen…
Ich bin ja ein großer Freund der Gruppe The Dresden Dolls. In letzter Zeit schwirrt mir auch immer wieder ein bestimmter Track im Kopf herum, der so wunderbar eingängig und gut gemacht ist, dass ich ihn nicht mehr aus dem Hirn verbannen kann. Das Lied heißt Bad Habit und beschäftigt sich, wie unschwer zu erkennen ist, mit schlechten Angewohnheiten.
Nun habe ich vor einigen Wochen explizit nach dem Songtext gesucht, und wie man feststellt, finden sich zum jeweiligen Text auch immer irgendwo (semi-)begabte Interpretatoren, die ihren Senf dazu geben müssen.
Natürlich sind Andeutungen an autoaggressives Verhalten im Text offensichtlich („Happiness is just a gash away“), und sicherlich gibt es auch persönliche Äußerungen von Amanda Palmer, die darauf hinweisen sollen, dass alles ganz anders gemeint ist (sie spielt auf eine ihr eigene Unsitte an, nicht nur an den Fingernägeln zu kauen, sondern auch das Nagelbett übel zuzurichten). Was mich erstaunt, ist die schon fast aggressive Diskussion, die aufgrund dieses Textes überall im Netz, wo dieser Song auftaucht, stattfindet. Da werden Menschen angegriffen, weil sie ja „so blöd sind, nur das Offensichtliche zu sehen“, da sie ja nichteinmal Amandas Statement dazu gelesen haben… Führt weiter zur Debatte, ob nur der „der wahre Fan“ ist, der tagtäglich nachschaut, was sein Idol wohl irgendwo von sich gegeben hat. Grauenhaft sowas…
Letztendlich hat diese Debatte nicht nur dazu geführt, dass ich dieses Lied noch öfter höre (als Desensibilisierung sozusagen), sondern auch dazu, dass ich mich nochmal frage, wie die Menschen die Bedeutung von Musik, und ihre Selbstdefinition durch diese auffassen. Der „Trick“, dessen sich die Dresden Dolls bedienen, ist sicherlich einmal die Unterstellung, dass man nicht nur das Offensichtliche an einem Text sehen darf. Manchmal wird etwas bewusst provokant geäußert um dahinter Harmlosigkeiten zu verstecken und sich am Aufstand der Gesellschaft zu freuen – polemisch gesagt. Aber vieleicht hat Frau Palmer auch einfach keine Lust auf langwierige Erklärungen, wie sie zum Thema Autoaggression steht und verharmlost damit einentatsächlich offensichtliche Sachverhalt? Einen Effekt erzielen die Musiker damit sicherlich: Sie werden gehört.
Für die Hörer, die Fans gestaltet es sich – völlig unabhängig davon, was die Musiker gemeint haben – ab hier schwierig. Vielleicht gefällt ihnen gerade die offene Provokation, die ein weitgehend tabuisiertes Thema aufgreift. Vielleicht fühlen sie sich angesprochen als Betroffene, Angehörige – da wäre es natürlich schade, wenn nun sämtliche Interpretation über den Haufen geworfen wird. Aber wenn man doch „Fan“ ist, impliziert das auch den dazugehörigen Kult um einen Musiker, so dass man quasi gezwungen ist, alles, was dieser Mensch so von sich gibt, als allgemein seligmachende Tatsache zu sehen. Außerdem scheint es notwendig, als „Fan“ überall kundzutun, was man so weiß.
Es ist ein bisschen wie mit der Literatur: In der Schule wird dir beigebracht, dass nur die Interpretation aus den Klett / Reclam Lektürehilfen zählt. Fein, wenn damit eigene Überlegungen ausgeschaltet werden. Aber ich bin mir weiterhin sicher: Wenn wir Herrn Goethe heute fragen könnten, warum er im „Faust“ an einer bestimmten Stelle ein bestimmtes Wort gesetzt hat, würde er uns sagen: „Na ja, es hat halt gepasst.“ Ich bin zwar kein Kunstkenner, aber vermutlich haben auch Maler, Bildhauer und andere Künstler ähnliche Probleme. Manchmal sind die verwendeten Mittel eben doch nur Werkzeuge und bei Weitem nicht so bedeutungsschwanger, wie wir es gern hätten.
Aber auch das ist gut und richtig so. Denn der Künstler (und es wäre Zeit, dass das noch viele andere Institutionen begreifen) gibt mit der Veröffentlichung seines Werkes eben dieses auch zur Interpretation frei. Hier gilt: „War ist nicht, was a sagt, sondern was b versteht.“ Musik wird nicht am Interpreten gemessen, sondern an der Eindringlichkeit. Literatur wird nicht dadurch zur Literatur, dass sich irgendein Fuzzi dazu entschließt, sie gut zu finden, sondern dadurch, dass ich als Rezipient etwas damit anfange.
Und damit (um zu einem Endergebnis zu kommen), liebe Streithähne, gilt: Es ist völlig egal, was die Musiker sich beim Text gedacht haben, es ist auch ziemlich egal, was Miss Palmer dazu sagt. Wenn jemand „Bad Habit“ als Kompensation und Artikulaton einer psychischen Disharmonie sehen will, soll er es tun. Wenn jemand sich lieber daran hält, diesen großartigen Song als humoristisch-provokantes Werk zu einer „Alltagssünde“ zu sehen – soll er doch. Wenn wir anfangen, Kunst nach den Künstlern zu definieren, brauchen wir keine mehr.
Die Tücken des Unbewussten?
Da hockt man die ganze Zeit, arbeitet an einer Abhandlung und meint, man würde den Abgabetermin locker schaffen. Und plötzlich wird es eng. Nicht, weil man ganz unglaublich faul war (was man manchmal sicherlich war), sondern weil man sich trotz allem zu viel Zeit gelassen hat. Man hat sich weiter eingelesen, noch mehr Aspekte gefunden, die ja „unbedingt noch hinein müssen“… Jetzt hat man nur noch wenig zu erledigen, aber die Konzentration weicht der Angst, nichts mehr zu schaffen. Ein fürchterlich unproduktiver Zustand. Löst das Unbewusste absichtlich diese Angst aus in Anlehnung an die self-fullfilling prophecy? Ich mache mir so viele Sorgen darüber, es nicht zu schaffen, damit ich nichts schaffe? Ich hasse mein Unbewusstsein…