Die Püppchen und Interpretationskontroversen…
Ich bin ja ein großer Freund der Gruppe The Dresden Dolls. In letzter Zeit schwirrt mir auch immer wieder ein bestimmter Track im Kopf herum, der so wunderbar eingängig und gut gemacht ist, dass ich ihn nicht mehr aus dem Hirn verbannen kann. Das Lied heißt Bad Habit und beschäftigt sich, wie unschwer zu erkennen ist, mit schlechten Angewohnheiten.
Nun habe ich vor einigen Wochen explizit nach dem Songtext gesucht, und wie man feststellt, finden sich zum jeweiligen Text auch immer irgendwo (semi-)begabte Interpretatoren, die ihren Senf dazu geben müssen.
Natürlich sind Andeutungen an autoaggressives Verhalten im Text offensichtlich („Happiness is just a gash away“), und sicherlich gibt es auch persönliche Äußerungen von Amanda Palmer, die darauf hinweisen sollen, dass alles ganz anders gemeint ist (sie spielt auf eine ihr eigene Unsitte an, nicht nur an den Fingernägeln zu kauen, sondern auch das Nagelbett übel zuzurichten). Was mich erstaunt, ist die schon fast aggressive Diskussion, die aufgrund dieses Textes überall im Netz, wo dieser Song auftaucht, stattfindet. Da werden Menschen angegriffen, weil sie ja „so blöd sind, nur das Offensichtliche zu sehen“, da sie ja nichteinmal Amandas Statement dazu gelesen haben… Führt weiter zur Debatte, ob nur der „der wahre Fan“ ist, der tagtäglich nachschaut, was sein Idol wohl irgendwo von sich gegeben hat. Grauenhaft sowas…
Letztendlich hat diese Debatte nicht nur dazu geführt, dass ich dieses Lied noch öfter höre (als Desensibilisierung sozusagen), sondern auch dazu, dass ich mich nochmal frage, wie die Menschen die Bedeutung von Musik, und ihre Selbstdefinition durch diese auffassen. Der „Trick“, dessen sich die Dresden Dolls bedienen, ist sicherlich einmal die Unterstellung, dass man nicht nur das Offensichtliche an einem Text sehen darf. Manchmal wird etwas bewusst provokant geäußert um dahinter Harmlosigkeiten zu verstecken und sich am Aufstand der Gesellschaft zu freuen – polemisch gesagt. Aber vieleicht hat Frau Palmer auch einfach keine Lust auf langwierige Erklärungen, wie sie zum Thema Autoaggression steht und verharmlost damit einentatsächlich offensichtliche Sachverhalt? Einen Effekt erzielen die Musiker damit sicherlich: Sie werden gehört.
Für die Hörer, die Fans gestaltet es sich – völlig unabhängig davon, was die Musiker gemeint haben – ab hier schwierig. Vielleicht gefällt ihnen gerade die offene Provokation, die ein weitgehend tabuisiertes Thema aufgreift. Vielleicht fühlen sie sich angesprochen als Betroffene, Angehörige – da wäre es natürlich schade, wenn nun sämtliche Interpretation über den Haufen geworfen wird. Aber wenn man doch „Fan“ ist, impliziert das auch den dazugehörigen Kult um einen Musiker, so dass man quasi gezwungen ist, alles, was dieser Mensch so von sich gibt, als allgemein seligmachende Tatsache zu sehen. Außerdem scheint es notwendig, als „Fan“ überall kundzutun, was man so weiß.
Es ist ein bisschen wie mit der Literatur: In der Schule wird dir beigebracht, dass nur die Interpretation aus den Klett / Reclam Lektürehilfen zählt. Fein, wenn damit eigene Überlegungen ausgeschaltet werden. Aber ich bin mir weiterhin sicher: Wenn wir Herrn Goethe heute fragen könnten, warum er im „Faust“ an einer bestimmten Stelle ein bestimmtes Wort gesetzt hat, würde er uns sagen: „Na ja, es hat halt gepasst.“ Ich bin zwar kein Kunstkenner, aber vermutlich haben auch Maler, Bildhauer und andere Künstler ähnliche Probleme. Manchmal sind die verwendeten Mittel eben doch nur Werkzeuge und bei Weitem nicht so bedeutungsschwanger, wie wir es gern hätten.
Aber auch das ist gut und richtig so. Denn der Künstler (und es wäre Zeit, dass das noch viele andere Institutionen begreifen) gibt mit der Veröffentlichung seines Werkes eben dieses auch zur Interpretation frei. Hier gilt: „War ist nicht, was a sagt, sondern was b versteht.“ Musik wird nicht am Interpreten gemessen, sondern an der Eindringlichkeit. Literatur wird nicht dadurch zur Literatur, dass sich irgendein Fuzzi dazu entschließt, sie gut zu finden, sondern dadurch, dass ich als Rezipient etwas damit anfange.
Und damit (um zu einem Endergebnis zu kommen), liebe Streithähne, gilt: Es ist völlig egal, was die Musiker sich beim Text gedacht haben, es ist auch ziemlich egal, was Miss Palmer dazu sagt. Wenn jemand „Bad Habit“ als Kompensation und Artikulaton einer psychischen Disharmonie sehen will, soll er es tun. Wenn jemand sich lieber daran hält, diesen großartigen Song als humoristisch-provokantes Werk zu einer „Alltagssünde“ zu sehen – soll er doch. Wenn wir anfangen, Kunst nach den Künstlern zu definieren, brauchen wir keine mehr.