Amok
Und wieder ein Amoklauf in Amerika. Wenn ich pietätlos bin, sage ich „Zum Glück nicht schon wieder direkt an einer Schule.“ Natürlich ist es schrecklich – wieder sind Menschen gestorben und wieder sucht man nach Gründen, die nicht so einfach zu finden sind. Vorher habe es Streit gegeben – mal ehrlich, ich muss kein Psychologe sein, um festzustellen, dass ein Streit auf einer Party nicht zwangsläufig zu Schuswaffengebrauch führt.
Fakt ist, dass Tyler Peterson innerhalb der Medien genauso entmenscht werden wird wie Robert Steinhäuser, Sebastian Bosse oder Cho Seung-Hui. Es geht hier nicht darum, Täter zu entschuldigen, sondern darum, hinter dir Gründe zu kommen. Und es geht darum, weiterhin festzustellen, dass diese Menschen keine fürchterlichen Monster waren. Es waren Menschen mit massiven Problemen (in gewisser Form zeifellos „gestört“), die nun von Politik und Medien benutzt werden, seltsame Gesetze einzufordern. Sie werden zu Objekten gemacht, auf die man alle gesellschaftliche Schuld abschieben kann – das Sündenbock-Prinzip. Jeder, der auch nur im Ansatz über klaren Verstand verfügt, ahnt, dass in all diesen Fällen nicht die sogenannten „Killerspiele“, nicht die Musik, nicht das Fernsehen, nichteinmal „nur“ die lokale Verfügbarkeit von Schusswaffen zu diesen Taten verleitet. Stellen wir uns doch nicht dümmer, als wir sind.
Sicherlich ist es ebenfalls zu einfach, sich komplett auf „die andere Seite“ zu stellen, nur, die Eltern, nur die Schule, nur die Gesellschaft verantwortlich zu machen, aber ich frage mich, warum man überhaupt bei einem solchen Thema auf einer Seite stehen muss? Es sollte doch klar sein, dass so eine Extremhandlung nicht einfach zu erklären ist, und dass alle Seiten gleichwertig beleuchtet werden müssen (deswegen ist die Mentalität von „Vorsprung durch Hektik“ was ein Verbot von Computerspielen angeht so sinnlos). Und sicherlich kann sich niemand von uns zum Weltretter aufschwingen und die Umgebung so stark beeinflussen, dass soetwas nie wieder passiert. Aber wenn jeder kleine Schritte macht, kann man vielleicht den einen oder anderen Jugendlichen vor einem derartig grauenhaften Ende bewahren. Straffere Waffenkontrolle und Eltern, die mehr auf das achten, was ihre Kinder in der Freizeit tun, Lehrer, die sich bewusster um verhaltensauffällige Kinder kümmern, Medien, die aufklären statt hetzen… Schön, wenn noch so ein verbohrter Idealist ist.
Und nein, halbherzige Schweigeminuten, Debatten für und wider ein Verbot von Spielen / Filmen / CD’s / Waffen, sozialpädagogische Laienpsychologie, überpanische Eltern und Kuschelpädagogik sind nicht das, was ich meine. Ein verstörtes Kind werde ich mit unmäßiger Kontrolle nur weiter von mir entfernen, Unterhaltungselektronik wird nur spannender, wenn es verboten ist, und die Grünkernbratling-Fraktion von Lehrern, die einen bedrängen, „doch mal was zu sagen“ haben wir alle als Schüler gehasst. Aber Lustig, dass gerade ich dieses Schwarz-Weiß-Denken verurteile und versuche, differenzierter zu werden…